Laudatio der Landtagsabgeordneten Sabine Wölfle zur Verleihung des SPD-Frauenpreises

Veröffentlicht am 09.03.2020 in Aktuelles

Der diesjährige SPD-Frauenpreis ging an die Kenzinger Hilfsorganisation ZAROK e.V. In ihrer Laudatio machte die Landtagsabgeordnete auf das besondere Engagement sowie die Notwendigkeit der Organisation aufmerksam, die seit 2015 hilfsbedürftige Frauen und Kinder im Nordirak unterstützt. Die Laudatio anlässlich der Preisverleihung im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

unser SPD Frauenpreis, heute wird er zum 13.mal verliehen, soll das Engagment von Frauen in unserer Gesellschaft ins Licht stellen, sichtbar machen und gebührend gewürdigt werden.

Wir haben in diesen Jahren sehr unterschiedliche Frauen in vielen Bereichen geehrt und unseren Preis verliehen. Dabei war uns immer wichtig, dass die Preisträgerinnen aus unserem Landkreis kommen und ihr Engagement eine gewisse Einzigartigkeit haben sollte oder auch stellvertretend für andere Frauen mit ähnlichem Engagement steht.

Unsere diesjährigen Preisträgerinnen und ihr Verein könnten nicht passender zur aktuellen Situation vor den Toren Europas, ich meine die türkisch-griechische Grenze, sein. Menschen die aus ihrer Heimat fliehen müssen, Jugendliche ohne ihre Familien, Frauen und Kinder - alle mit nichts dabei außer ihrem blanken Leben. Seit 2015 erleben wir diese Bilder, fühlen in erschreckender Weise die eigene Hilflosigkeit und finden keine politischen Antworten, ja, nicht einmal die richtigen humanitären. Vor allem Frauen und Kinder sind besonders betroffen.

Als integrationspolitische Sprecherin meiner Fraktion habe ich immer wieder Kontakt zu geflüchteten Frauen, höre ihre Geschichten, bewundere ihren Mut, empfinde Schmerz über die Verluste ihrer Kinder und Männer und hoffe von ganzem Herzen, dass diese Frauen und Kinder irgendwann ihre Traumata überwinden können und vielleicht wieder eine lebenswerte Zukunft haben.

Ganz besonders schlimm betroffen waren und sich die jesidische Frauen. Das Land Baden-Württemberg hat 2016 1000 Frauen aufgenommen, die leben hier abgeschieden unter uns. Viele bis heute traumatisiert, viele haben ihre Kinder und überhaupt alles verloren, viele können auch nicht mehr zu ihren Familien zurückkehren.

Diejenigen, die nicht zu uns kommen konnten, waren mit ihrem Schicksal die Motivation unserer heutigen Preisträgerinnen.

Wer hat diese schrecklichen Bilder vor 5 Jahren nicht mehr in Erinnerung, wie der IS auf brutalste und mörderische Art und Weise wütete, ganze Landstriche unter Kontrolle brachte und mit Terror überzog.

Vor allem eben die Jesiden mussten Entsetzliches erleiden. Frauen wurden vor den Augen ihrer Familien vergewaltigt, verschleppt, deren Kinder und Ehemänner, Väter und Brüder ermordet - die Unmenschlichkeit war grenzenlos.

Während viele von uns durch die Medienberichterstattung diese Bilder sahen und sich machtlos und hilflos fühlten, gab es auch Menschen, die aktiv werden wollten.

Es war Zeynep Akay, die im August 2014 spontan beschloss, nicht mehr untätig zuzusehen und spontan eine Hilfsaktion ins Leben rief.

Sie sammelte Spenden für Flüchtlinge - allein in der Region Kurdistan und Nordirak lebten 1,7 Mio. geflüchtete Menschen. Vor allem in den dortigen Lagern gab es keine ausreichende Infrastruktur. Strom, Wasser und die gesamten hygienischen Zustände waren untragbar.

Die Hilfsaktion von Zeynep Akay wurde in der Folge von Einzelpersonen, Kirchen, Schulklassen, Kindergärten, Gewerkschaften, Firmen, Vereine - man kann sagen durch den Querschnitt der gesamten Zivilgesellschaft, unterstützt. Im Januar 2015 fuhr dann der ersten LKW mit Hilfsgütern in die Region.

Diese Hilfe war aber bei weitem nicht ausreichend, die Lage war erschreckend und so wurde beschlossen, dass es irgendwie weitergehen muss.

Diese Aktion wurde dann zunehmend bekannter und immer mehr Menschen schlossen sich an und wollten statt hilflos dem Elend zuzusehen aktiv werden und mitarbeiten.

Aus diesem Engagement entstand die Idee, einen Verein zu gründen um dauerhaft den Menschen in der Region helfen zu können.

Es entstand der Verein Zarok, der Name ist das kurdische Wort für Kinder.

Damit war klar, dass die Zielgruppe des Vereins vor allem auf Kinder ausgerichtet wurde.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, dass der Verein von Beginn an sich lokale Partner suchte, d.h. Organisationen vor Ort die sich auskannten und am besten wussten, was gebraucht wird und wie man helfen kann.

Es war auch klar, dass es hier nicht um den einfacheren Weg des Geldsammels und Geldverteilens ging sondern um infrastrukturelle Maßnahmen vor Ort.

Hierbei geht es, um einige Beispiele zu nennen, um Milchpulver, Mehl, Zelte, Spielzeuge für die Kinder, Möbel.

Aber auch Lebensmittellieferungen waren dabei, Winterkleidung, Hygieneartikel - die Liste ist unendlich lang und zeigt, dass es vor  Ort an allem mangelte.

Über 700 Schulkinder erhielten Schultaschen und Schulmaterial, ganz wichtig, um am improvisierten Schulunterricht teilnehmen zu können.

Genau dies ist in diesen Flüchtlingslagern elementar wichtig. Unter diesen Bedingungen muss man versuchen, den Kindern soviel Normalität wie es möglich ist, zu gewährleisten. Schule und Unterricht ist da von enormer Bedeutung.

Andere Bereiche der Unterstützung waren auch auf Bitte einer anderen Organisation, die Einrichtung einer kleinen Klinik, um zumindest eine Grundversorgung der geflüchteten Frauen und Kinder sicherzustellen.

Im Januar 2017 fuhr dann ein LKW mit Betten, Rollstühlen und vielen medizinischen Geräten in diese kleine Klinik ins Sindjargebirge. Diese Spenden stammten von der Uniklinik Freiburg, dem Kreiskrankenhaus Emmendingen, dem damaligen Bruder-Klaus -Krankenhaus und verschiedenen Arztpraxen.

Der Fokus auf die Kinder erweiterte sich dann auch auf die jesidischen Frauen.

Hier half man beim Aufbau von Näharbeiten, damit sich die Frauen in den Camps selbstständig versorgen konnten. Diese Nähateliers können sich zwischenzeitlich sehen lassen Die überwiegende Zahl der ausgebildeten Schneiderinnen können den Lebensunterhalt ganz oder zumindest teilweise von ihrer Arbeit erwirtschaften.

Einige Frauen schließen sich in Kooperativen zusammen und betreiben gemeinsame Läden. Das Angebot richtet sich vor allem an Witwen und Zarok setzt als Verein 8000 Euro für Ausbildung, Ausstattung und Verselbstständigung der Schneiderinnen ein.

Gleichzeitig sorgte man dafür, dass die vom IS verschleppten Kinder eine Traumaverarbeitung erhalten konnten.

Was diese Kinder während der Zeit ihrer Verschleppung erlitten haben, übersteigt unser aller Vorstellung. Die Verarbeitung dieser furchtbaren Zeit ist überlebenswichtig für die Kinder, um auch nur halbwegs wieder in ein irgendwie normales Lebens zurückkehren zu können.

Auch hier setzt Zarok Geld ein, um z.B. ein dreimonatiges Therapieprogramm für Kinder und ihre Angehörigen im Nordirak zu ermöglichen.

In einem Flüchtlingslager setzt Zarok weitere 2000 Euro ein, um das „ Girls and Women Empowerment Center“  zu unterstützen.

Hier gibt es Alphabetisierungskurse für ältere Frauen, Bildungsangebote für syrische Mädchen und Frauen, Englischkurse und vieles mehr. Auch spezielle Angebote für Mädchen mit Behinderungen werden dort mitgedacht.

Aber immer wieder geht es auch um einfache Grundbedürfnisse, wie z.B. warme Kleidung im Winter.

Besonders tragisch sind die Schicksale von verwaisten Kindern. Der Verein sucht nach Möglichkeiten, diese Kinder auf ihren weiteren Weg zu unterstützen, ihnen eine Zukunft zu geben.

Aktuell hilft der Verein Zarok in Nordostsyrien mit Ersthilfe.

Seit der türkischen Militäroffensive Mitte Oktober 2019 wachsen in der Region die Flüchtlingszahlen immens an. Zarok unterstützt gemeinsam mit Partnerorganisationen direkt an der Grenze und in einem Flüchtlingscamp

Die Liste der Projekte ist unendlich lang und zeigt in erschreckender Weise, was unter den Augen der Weltöffentlichkeit für unmenschliches Leid und Elend in dieser Region passiert.

Ich kann gar nicht jedes Projekt hier nennen, es gibt aber später noch eine kleine Präsentation des Vereins.

Wer mehr erfahren möchte: die Homepage von Zarok enthält weitreichende Informationen und auch viele Fotos. Schaut man sich alles an, ist man berührt aber auch unglaublich beeindruckt von dem Engagement welches Zarok und die Partnerorganisationen dort leisten.

Zarok ist eine sogenannte NGO, eine Nichtregierungsorganisation, alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich  und tragen ihre Reisekosten, wenn sie in die Region reisen, komplett selber.

Dem Verein ist Transparenz wichtig und orientiert sich an der „Initiative Transparente Zivilgesellschaft“.  Man zeigt deutlich, woher die Mittel kommen und wie sie verwendet werden. Auch hier sind die im Netz veröffentlichten Informationen vorbildlich und zeigen den hohen Anspruch des Vereins an sich selber.

Wenn Sie den Verein unterstützen wollen, wir haben kleine Zettel ausgelegt, auf denen finden Sie die Bankverbindung, schon jetzt vielen Dank wenn Sie davon Gebrauch machen und mit Ihrer Spende helfen.

Ich möchte die verantwortlichen Frauen jetzt auch namentlich nennen:

Frau Susanne Dorer als Vorsitzende, Sigrid Leder-Zuther als zweite Vorsitzende und die Beisitzerinnen Rita Lamm, Claudia Meissner, Rahel Schlumberger, Marie Kapla.

Und ich möchte auch den einzigen Herren im Vorstand nicht verschweigen, das ist Klaus Fehrenbach als Schatzmeister.

Die am Anfang von mir genannte Zeynep Akay ist im Verein auch noch aktiv.

Ich freue mich, dass der Vorstand auch heute hier fast vollständig gekommen ist.

Die Frauen in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen in der SPD und ich möchten Ihnen unseren Respekt und Dank für diese außerordentliche Arbeit aussprechen.

Sie tun viel Gutes, helfen wo es notwendig ist, opfern viel Zeit und Nerven für Menschen die Hilfe brauchen, Sie werden mit schrecklichen Geschichten konfrontiert und die Schicksale der Menschen, denen Sie vor Ort begegnen, kann man nach Rückkehr aus den betroffenen Regionen, auch nicht wie einen Lichtschalter ausschalten. Sie bleiben auch in Ihren Erinnerungen und ich bin überzeugt, dass  es oftmals nicht einfach ist, das Erlebte und Gesehen auszublenden.

Sie schaffen es trotzdem, weil Sie wissen, die Frauen und Kindern brauchen Sie, brauchen Ihre Hilfe, Ihr Engagement und Ihre offenen Herzen für die schreckliche Not.

Dafür möchten wir Ihnen mit unserem bescheidenen Preis danken und Ihnen unsere große Anerkennung ausdrücken.

+++ Es gilt das gesprochene Wort! +++

 

Zarok (Kinder) e.V. engagiert sich seit dem Winter  2014 / 2015 mit verschiedenen Hilfsaktionen und Projekten für Kinder und Familien in den Flüchtlingslagern des Nordirak. Jesidinnen und Jesiden in der Autonomen Region Kurdistan wurden durch den sogenannten "Islamischen Staat" vertrieben, viele Männer wurden erschossen, viele Frauen und Mädchen verschleppt und versklavt. Fast alle haben Familienangehörige verloren. Noch immer sind rund dreitausend Menschen vermisst, für die anderen ist das Leben im Lager ihr Alltag.

SPENDENKONTO:

Zarok e.V.

IBAN: DE48 6805 0101 0013 0691 55        

BIC: FRSPDE66XXX

Verwendungszweck: Spende Flüchtlinge

 

 

Ankündigung

Online-Diskussionsveranstaltung zum Thema Prostitution:

Wie gut war die Liberalisierung des Prostitutionsgewerbes? Wie hilfreich wäre das nordische Modell? Sollte Prostitution und/oder Sexkauf generell verboten oder erlaubt sein?

Um über dieses Thema zu diskutieren haben wir folgende Gäste eingeladen:
Sonja Elser, Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen und Gründungsmitglied des Ostalb-Bündnisses gegen Menschenhandel und (Zwangs)Prostitution
Sabine Wölfle MdL, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Landtagsfraktion und frauenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion
Johannes Fechner MdB, rechtspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion

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